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In seinen Marktkommentaren fasst Börsenexperte und Geschäftsführer Sören Weigelt (rechts) das aktuelle Geschehen an den Finanzmärkten zusammen und ordnet diese ein.

Alle Augen sind zum jetzigen Zeitpunkt auf die Aktienmärkte gerichtet. Die Mehrheit der Beobachter traut ihren Augen nicht mehr. Abermals befindet sich die halbe Welt im Lockdown, doch Aktien klettern unbeirrt nach oben. In Deutschland gibt es diesbezüglich die größten Verzerrungen. Über 90 Prozent der Menschen hierzulande besitzen weder direkt noch indirekt Aktienanlagen. Dabei steht unser Leitindex aus technischer Sicht an einer bedeutungsvollen Hürde. Wenn wir 13.200 Zähler nachhaltig hinter uns lassen, ist der Weg zu einer neuerlichen Rekordjagd frei. Die magische Grenze von 14.000 ist dann nur eine Frage der Zeit. Trotz hervorragender einheimischer Firmen lassen wir unvorstellbare Geldsummen ohne Verzinsung auf den Girokonten verrotten. Ein Teil der Vermögen wanderte über Jahre zumindest in Immobilien, es ist des Deutschen liebstes Kind. Dementsprechend haben sich dort die Preise in schwindelerregende Höhen entwickelt, in einigen Regionen werden nur noch krankhafte Summen aufgerufen. Zudem bringt eine Immobilienanlage zahlreiche Nachteile gegenüber Aktieninvestments mit sich. Wir sind ein Volk von Angsthasen, kaufen lieber Klopapier als Aktien. Die Ausländer wissen es besser. Ständig strömt frisches Kapital nach Deutschland, sonst wäre der aktuelle DAX-Stand nicht möglich. Wir überlassen fremden Geldgebern unsere Aktiengesellschaften, das Tafelsilber unseres gefährdeten Wohlstands. Erst wenn die Aktienkurse noch viel höher stehen, wird der deutsche Privatanleger aus dem Versteck kriechen und bei viel zu hohen Preisen kaufen. Die Amerikaner sind schon einen Schritt weiter. Gestern schaffte der Dow Jones zum ersten Mal in seiner Historie 30.000 Zähler. Der etwas zu große Optimismus der US-Investoren ist momentan das einzige Haar in der Suppe. Solcher Überschwang kann kurzfristig zum Gegenteil führen. Insgesamt ist jederzeit noch ein Schwächeanfall möglich, bis zum Jahresende vollführen wir einen Drahtseilakt. Diese Eventualität würde uns jedoch nicht aus der Ruhe bringen. Der Weg ist langfristig positiv vorgegeben, die Kraft im Hintergrund spürbar. Zwei Verläufe sind seit geraumer Zeit bemerkenswert. Coronagewinner werden zu Verlierern und umgekehrt. Außerdem schwächelt die heißgeliebte Technologiebranche. Die Old-Economy-Werte ziehen das Geld aus diesem Sektor an und ab. Wir trennen uns von keiner einzigen Aktienanlage, stehen bei Rückgängen als Käufer bereit.

Favoritenwechsel

Der Ölpreis schießt durch die Decke, stiehlt den übrigen Rohstoffen die Show. Dieser Weg war vorprogrammiert, eine Frage des Wann. Jetzt steuern wir bereits 50 USD an. Unter Umständen braucht es an dieser Marke mehrere Anläufe. Im Anschluss folgt der nächste Zielkorridor bei 55-60 USD. Damit hätten wir lediglich die Normalpreise von vor Corona erreicht.  Die Hoffnungen auf ein Comeback der Weltkonjunktur sowie die Wiederaufnahme des Flugverkehrs im kommenden Jahr sind die Treiber. Die Luftfahrtgesellschaften sind eben der stärkste Abnehmer in diesem Sektor. Bei den Edelmetallinvestoren bilden sich die ersten Sorgenfalten. Gold und Silber wurden dieser Tage nach unten durchgereicht, sind aus technischer Sicht wirklich angeschlagen. Beim großen Bild ist noch alles in Ordnung, im Bereich 1.780-1.800 USD (Gold) müssten die Optimisten wieder die Bühne betreten. Sollte es auf diesem Niveau keinen Boden geben, ist auf kurze Dauer kein Blumentopf zu gewinnen. Wir werfen die Flinte nicht ins Korn, stehen auch diese Version gemeinsam durch. In der mittleren Zukunft werden Edelmetalle eine gute Rolle spielen. Bei der Vermögensdiversifikation bleibt die Anlageklasse unverzichtbar.

Kein Handlungsbedarf

Die neue Regierung in den Vereinigten Staaten kann bald ihre Arbeit aufnehmen. An den Zinsmärkten sind deswegen Umkehrsignale vorstellbar. Bisher ist dies nicht der Fall. Zudem wird der vollkommen andere Dialog der Demokraten mit der US-Notenbank zum interessantesten weichen Entscheidungsfaktor. Wir bleiben noch ruhig.

Zum Autor: Sören Weigelt verfügt über 25 Jahre Berufserfahrung in der Finanzindustrie. Seine Leidenschaft ist die Börse. Bevor er die Mitteldeutsche Vermögensberatung Weigelt & Co. GmbH gegründet hat, war er von 2006 bis 2011 als Vermögensverwalter und zusätzlich zwischen 2006 und 2008 als Mitglied des Vorstandes der Adlatus AG tätig. In den Jahren 2002-2006 verantwortete er als Geschäftsführender Gesellschafter die Vermögensverwaltung in der Adlatus GmbH. Er ist Mitbegründer der Adlatus GmbH. Als Wertpapierspezialist bei der HypoVereinsbank AG in Chemnitz betreute er von 1997-2002 ein Kundenvermögen von EUR 100 Mio. Zusätzlich war er zwischen 2000 und 2002 als Leiter der Wertpapierabteilung sowie als Stellvertretender Leiter der Vermögensanlage Sachsen tätig. Er führte ein Team von 40 Mitarbeitern in verschiedenen Filialen. Eine Auszeichnung als einer der erfolgreichsten Individualkundenbetreuer erfolgte im Jahre 2000 in Form eines Auslandsaufenthalts bei der HypoVereinsbank AG in New York. Sören Weigelt begann seine Karriere nach Abschluss der Lehre zum Bankkaufmann als Kundenberater (1991-1993) und im Anschluss als Individualkundenbetreuer (1995-1997) in der Bayerische Vereinsbank AG. Sören Weigelt verfügt über einen Abschluss der Bankakademie Frankfurt/M. als geprüfter Bankfachwirt. Er ist auch Vortragsredner und Kolumnist.

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