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Aktienmärkte im orientierungslosen Raum

Börsenexperte Sören Weigelt berät Sie gerne rund um die Themen Börse, Aktien und Co. Schreiben Sie uns!

Nach der abgeschlossenen Berichtssaison der Unternehmen müssen die Börsen auf wichtige Signalgeber weitestgehend verzichten. Eine gewisse Orientierungslosigkeit dürfte die kurzfristige Folge sein. Bisher schüttelten die Marktteilnehmer enttäuschende Äußerungen aus dem Hause der US-Zentralbank ab. Dort wurde eine Lockerung der Geldpolitik auf unbestimmte Zeit verschoben. Im Mittelpunkt verharrt die Frage, ob und wann die hohen Zinsen in den Vereinigten Staaten ihre Bremswirkung in der Ökonomie hinterlassen. Anders ticken die Uhren innerhalb Europas. Verschiedene Gazetten verweisen in regelmäßigen Abständen auf den wirtschaftlichen Abstieg der ehemaligen Konjunkturlokomotive Deutschland. Etliche Firmenchefs beklagen die ungünstigen Rahmenbedingungen, verlegen Produktion und Arbeitsplätze ins Ausland. Insgesamt ist es ihnen gelungen, durch geschickte Manöver schlimmeren Schaden zu verhindern. Jetzt gewinnt der Blick über den Tellerrand an Bedeutung. Anders können wir die Stärke des Deutschen Aktienindex nicht erklären. Bald vollzieht die EZB ihre Zinswende für den alten Kontinent. Geringere Refinanzierungskosten entlasten im Anschluss die Firmen. Indirekt wirkt das Ganze wie eine Art Konjunkturpaket. Unterstützt wird dieser Aspekt mit dem Ausblick auf die politische Bühne. Spätestens im folgenden Jahr winkt Deutschland eine bürgerliche und damit wirtschaftsfreundlichere Regierung. Bei entsprechender Eskalation wäre so ein Szenario bereits für den Herbst 2024 denkbar. Börsen schauen in die Zukunft, preisen solche Varianten Schritt für Schritt ein.

Rohstoffe atmen aus

Vorerst fordert das hohe Tempo bei der neu entdeckten Anlageklasse seinen Tribut. Nach jedem stärkeren Kursanstieg kommt früher oder später unweigerlich ein Rücksetzer. Zwei Schritte nach oben und einer zurück, auch hier gilt der Rhythmus wie für alle Preisfestsetzungen. Im Fokus bleibt trotz des jüngsten Schwächeanfalls das gelbe Metall. Umgeben von einem für Gold ungünstigen Zinsniveaus bewegen wir uns in der Nähe des Allzeithochs. Dies bleibt eine Ansage der Optimisten. Zur Gemengelage äußert sich nun die Citigroup. Innerhalb der anschließenden 12 Monate sieht Max Layton, der zuständige Analyst, 3.000 USD pro Feinunze. Im Chart ist dieser Weg fast vorgezeichnet. Eine der Hauptunterstützungen erfolgt seitens der Nachfrage aus China. Wahrscheinlich wurde bisher im Reich der Mitte noch nie so viel Gold aufgekauft, wie in der laufenden Dekade. 40 bis 50 Prozent was sonst in Immobilien investiert worden wäre fließt obendrein in das seltene Metall. In den zurückliegenden 4 Monaten wurden zwei Drittel des chinesischen Minenangebots aufgezehrt. Für die Schmuckindustrie scheint keine Offerte mehr übrig. Damit stehen einige Voraussetzungen für eine Wiederaufnahme der Aufwärtsbewegung im Raum. Silber erreichte jüngst ein Zehnjahreshoch. Das Kaufsignal hat durch das Überbieten der 30 USD-Grenze Bestand. Im Vergleich zum Goldpreis besteht im historischen Kontext weiteres Aufholpotential. Langweilig verläuft die Entwicklung bei Öl. Bisher gibt es keine Anzeichen, die Seitwärtsbewegung zu verlassen. Hoffnungen auf eine Wiederbelebung der Weltkonjunktur durch China sowie die Verschärfung eines politischen Konfliktes können jederzeit zu Preistreibern mutieren.

Federal Reserve versus EZB

Am zurückliegenden Mittwoch schockten Vertreter der amerikanischen Notenbank die Investoren. Bei der Veröffentlichung des aktuellen Protokolls ist von den erhofften Zinssenkungen keinerlei Rede. Im Gegenteil häufen sich die Stimmen, die von einem weiterhin harten sowie restriktivem Kurs sprechen. Demnach sollen die Leitzinsen auf dem vergleichsweise hohen Niveau über eine lange Zeit ihre Beibehaltung finden. Die Wahrscheinlichkeiten für Leitzinsherabsetzungen im September oder November erreichen Tiefststände. Größere Erwartungen verbleiben für die letzte Zusammenkunft im Dezember diesen Jahres. Einige Beobachter werfen die Flinte ins Korn, sehen beginnende Lockerungen erst im Jahr 2025. Die Schockstarre der Investoren hielt nur kurz an. Am Rentenmarkt verzeichneten wir geringe Kursausschläge.

 

 

Aktienmärkte im orientierungslosen Raum
Zum Autor: Sören Weigelt verfügt über 25 Jahre Berufserfahrung in der Finanzindustrie. Seine Leidenschaft ist die Börse. Bevor er die Mitteldeutsche Vermögensberatung Weigelt & Co. GmbH gegründet hat, war er von 2006 bis 2011 als Vermögensverwalter und zusätzlich zwischen 2006 und 2008 als Mitglied des Vorstandes der Adlatus AG tätig. In den Jahren 2002-2006 verantwortete er als Geschäftsführender Gesellschafter die Vermögensverwaltung in der Adlatus GmbH. Er ist Mitbegründer der Adlatus GmbH. Als Wertpapierspezialist bei der HypoVereinsbank AG in Chemnitz betreute er von 1997-2002 ein Kundenvermögen von EUR 100 Mio. Zusätzlich war er zwischen 2000 und 2002 als Leiter der Wertpapierabteilung sowie als Stellvertretender Leiter der Vermögensanlage Sachsen tätig. Er führte ein Team von 40 Mitarbeitern in verschiedenen Filialen. Eine Auszeichnung als einer der erfolgreichsten Individualkundenbetreuer erfolgte im Jahre 2000 in Form eines Auslandsaufenthalts bei der HypoVereinsbank AG in New York. Sören Weigelt begann seine Karriere nach Abschluss der Lehre zum Bankkaufmann als Kundenberater (1991-1993) und im Anschluss als Individualkundenbetreuer (1995-1997) in der Bayerische Vereinsbank AG. Sören Weigelt verfügt über einen Abschluss der Bankakademie Frankfurt/M. als geprüfter Bankfachwirt. Er ist auch Vortragsredner und Kolumnist.